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Schiemenz in der Sammlung DEILMANN

Schiemenz‘ Skulpturen bewegen sich im Spannungsfeld von Mensch und Natur und nehmen den eigenen Herstellungsprozess in den Blick. Durch die Verwendung vertrauter Materialien wie Glas oder auch Aluminium und dem Spiel der Formen auf der Grenze zwischen Authentizität und Künstlichkeit nimmt Schiemenz einen besonderen zeitgenössischen Platz in der Sammlung ein und bereichert die hier präsentierten Bildhauerpositionen der klassischen Moderne und der Nachkriegsgeneration.

Anna Deilmann, Kuratorin der Sammlung DEILMANN

Julian von Bismarck _ sammlung deilmann.png

Kai Schiemenz

Kai Schiemenz, geboren 1966 in Erfurt, ist ein deutscher Künstler, der vor allem bildhauerisch arbeitet. Nach einer Ausbildung zum Steinmetz studierte er an der Kunsthochschule Weißensee und der Universität der Künste in Berlin. Beschäftigte er sich in seinen frühen Arbeiten vorrangig mit dem Verhältnis von Raum, Architektur und Mensch und schuf teilweise begehbare Installationen aus Holz und Papier, stellt er seit der jüngeren Vergangenheit vorrangig Skulpturen aus Glas, Keramik, Holz und Aluminium mittleren Formats her. Seine früheren Arbeiten bezogen den Menschen in eine überdimensionierte, konstruierte und theatralische Realität mit ein und stießen einen unmittelbaren Prozess des individuellen und gleichsam kollektiven Raumerlebens an. Seine aktuellen Skulpturen sprechen aus einer bewussten Distanz vielmehr für sich selbst und regen eine bereichernde Auseinandersetzung der Betrachtenden mit ihrer Materialität, ihrem genuinen Entstehungsprozess und ihrer Transformation an.
Als Ausgangspunkt für die „gläsernen Steine“ dient Kai Schiemenz ein Entwurf aus Styropor. Anders als das Arbeiten mit Stein, erlaubt das Material eine rasche Bearbeitung, die manchmal in wenigen Minuten vonstattengeht und die sukzessive Herangehensweise der klassischen Bildhauerei konterkariert. Der Entwurf dient einer Glaswerkstatt in Tschechien als Vorlage, die aus dieser Negativformen herstellt und in einem aufwändigen, manuellen Verfahren verschiedenfarbige Gläser produziert, die nach einer umfänglichen Bearbeitung anschließend zusammengefügt werden. Das langwierige Verfahren, das eine teilweise über Wochen andauernde Abkühlungsphase der Glaskörper beinhaltet, bringt oft unvorhersehbare Ergebnisse hervor, die sich in Blasen, Sprüngen und Rissen präsentieren und vom Entwurf abweichen. Das fertige Objekt trägt damit die zufällig entstandenen Spuren seiner Herstellung in sich und verweist mit seiner Materialität auf den manuellen Entstehungsprozess. Zwischen Entwurf und fertigem Objekt liegen somit nicht nur unterschiedlich lange Bearbeitungsphasen, sondern auch eine vom Künstler bewusst kalkulierte Unsicherheit über die Veränderungen seiner Kunst gegenüber dem ursprünglichen Entwurf.

Von der Idee zum Material

Schiemenz spielt in seiner Kunst mit natürlichen Formen und Materie sowie mit menschlichen Interventionen und Herstellungsprozessen. So wie die begehbaren Skulpturen aus seiner frühen Schaffenszeit das Verhältnis von Mensch und Raum auf den Prüfstand stellten, loten seine Skulpturen das Verhältnis von Mensch und Natur, von Kunst und Kunsthandwerk aus. Der Bezug auf das natürliche und beständige Material Stein und kristalline Formen eröffnet einen Dialog über Dauerhaftigkeit und Veränderung des Materials und die Rolle des Künstlers. Gleichzeitig sind auch die „gläsernen Steine“ in ihrer endgültigen Form nicht unveränderlich. Je nach Lichteinfall und Standort, verändern auch sie sich durch ihre teilweise lichtabsorbierende Transparenz und Farbigkeit im Verlaufe des Tages und üben eine faszinierende Wirkung auf die Betrachtenden aus. Schiemenz plant die Aufstellung und Zusammenstellung seiner Objekte in seinen Ausstellungen sorgsam und durchdacht. Verschiedene Perspektivmöglichkeiten und die variierende Wahrnehmung der verschiedenen Objekte beim Durchschreiten des Raumes aus verschiedenen Richtungen werden von ihm mitberücksichtigt und beeinflussen Distanz und Wahrnehmung der Rezipient: innen. In einer Einzelausstellung im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig 2021 kombinierte er seine eigenen Objekte mit Sammlungen von Mineralien und Gesteinen verschiedener Sammlerpersönlichkeiten und Institutionen und beleuchtete damit auch das menschliche Verhältnis zum Stein und die damit einhergehenden akribischen Sammlungstätigkeiten, die Zeuge einer langwährenden Faszination des vergänglichen Menschen für die dauerhaften und dennoch veränderlichen Formen der Erde sind.

Dauerhaftigkeit und Veränderung

Kai Schiemenz‘ Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien beschränkt sich nicht nur auf Objekte aus Glas und Zement. Auch Keramik und Aluminium unterzieht er einer künstlerischen Anverwandlung. Aus verschieden großen Keramikfliesen unterschiedlicher Färbung entstehen abstrakte Bilder aus geometrischen Formen, deren Reiz in der ungewohnten Verwendung vertrauten Materials liegt. Einen ähnlichen Effekt bewirken die grob gespachtelten Platten, die mit einem abschließenden Aluminiumguss (Eloxal) in geometrischen Formen versehen sind. Auch hier ist die metallische Farbe des Aluminiums seltsam vertraut, ziert sie doch in der Regel Alltagsgegenstände wie Taschenlampen und Kugelschreiber. Mit der Verwendung des Aluminiumgusses verwandelt sich eine profan bearbeitete Platte zum Kunstwerk und macht auf den schmalen Grat aufmerksam, der Kunst und Handwerk, Alltag und Kunst, Masse und Unikat, Natur und Mensch voneinander trennt.

Objekte und Keramik und Aluminium

in der Sammlung Deilmann

Künstler der Sammlung

Einzelausstellungen (Auswahl) •2009: Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg, Deutschland •2012: PayneShurvell London, Großbritannien •2013: Neuer Kunstverein Wuppertal, Deutschland •2016: Städtische Galerie Wolfsburg, Deutschland •2017: Mies van der Rohe Haus, Berlin, Deutschland •2018: AKI Gallery, Taipeh, Taiwan •2021: Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, Deutschland •2022: Orangerie am Schloss Rheda, Wiedenbrück, Deutschland •2024: Galerie EIGEN + ART Berlin, Deutschland; Goethe-Institut Hong Kong, China Gruppenausstellungen (Auswahl) •2013: „on paper“, Galerie EIGEN + ART, Berlin, Deutschland •2016: „WWW-Wasser, Wolken, Wind“, Sammlung Würth, Schwäbisch-Hall, Deutschland; „Wir suchen das Weite“, Staatliche Museen zu Berlin / Kupferstichkabinett, Berlin, Deutschland; „Grün stört. Im Fokus einer Farbe“, Marta Herford, Herford, Deutschland •2019: „Bunte Steine. William Tucker, Kai Schiemenz, Stefan Guggisberg“, Georg Kolbe Museum, Berlin, Deutschland •2022: „Fragile! Alles aus Glas, Grenzbereiche des Skulpturalen“, Kunstmuseum Ahlen, Deutschland

Ausstellungen

•1999: GASAG Kunstpreis, Berlin •2001 – 2004: Arbeitsstipendium Bildende Kunst der Senatskanzlei des Berliner Senats, Deutschland •2005: Villa Aurora Stipendium, Los Angeles, USA •2006: Arbeitsstipendium der Stadt Madrid, Spanien •2009: MADA residency, Monash University, Melbourne, Australien •2010: New York Stipendium der Senatskanzlei Berlin Kulturelle Angelegenheiten, USA

Stipendien und Preise

„Gläserne Steine“ nennt Kai Schiemenz seine Objekte aus buntem Glas und verweist damit schon auf die Widersprüchlichkeit, die seine Kunst vereint. Kristallähnliche, aufstrebende Strukturen unterschiedlicher Farben verbunden im Glas erinnern an natürlich gewachsene Formationen. Gleichzeitig ist Glas ein von Menschen in einem aufwändigen Verfahren produziertes Material, das aus natürlichen Materialien künstlich hergestellt wird und mitunter unerwartete Resultate hervorbringt. Eine ähnliche Spannung zeigen Schiemenz‘ Abgüsse von ins Erd- und Steinreich gegrabenen Vertiefungen, die er mit geometrischen Strukturen versieht. Der Abguss verweist auf die abwesende, einzigartige und strukturell sich dennoch wiederholende Natur an einem spezifischen Ort, die gleichsam Vorlage für das neu und zufällig durch menschlichen Eingriff Entstehende ist. Schiemenz‘ Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld von Mensch und Natur und loten ihr Verhältnis auf einer ästhetischen Ebene aus, die erstaunlich faszinierende Kunstwerke hervorbringt und ihren eigenen Entstehungsprozess selbstreferentiell in den Blick nehmen. Zur Auseinandersetzung mit dem Material Glas führte Schiemenz die Auseinandersetzung mit den „utopischen Entwürfen“ des Architekten Bruno Taut.

Zwischen Authentizität und Artifizialität

Kai Schiemenz

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