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Littwitz in der Sammlung DEILMANN

Die Arbeit „Edith“ von Ella Littwitz ist Teil der Sammlung Deilmann und spiegelt das kuratorische Interesse der Sammlung an zeitgenössischen Kunstwerken wider, welche die Perspektiven auf das Verhältnis von Mensch und Landschaft und die Bedeutung historischer Narrative in diesem Kontext beleuchten.

Anna Deilmann, Kuratorin der Sammlung Deilmann

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Ella Littwitz

Ella Littwitz (*1982 in Haifa, Israel) ist eine Künstlerin, deren Werk sich mit Geopolitik, religiösen Anschauungen, Geschichte, Kultur und Identität und ihrem Wechselverhältnis zur Landschaft auseinandersetzt. Mit einem besonderen Fokus auf das Konzept von Territorium und Grenze greift sie auf wissenschaftliche, historische und mythologische Quellen zurück, um komplexe Narrative zwischen Nation, Erinnerung, kulturellem Erbe und kollektiver Identität sichtbar zu machen. In ihren Installationen, Skulpturen und konzeptuellen Arbeiten verweist Littwitz auf der Basis verschiedener Materialien wie Erde, Sand, Samen, Stein und Fundstücken auf politische, symbolische und mythologische Bedeutungen. Häufig reflektieren ihre Werke die Spannungen des Nahen Ostens, ohne dabei plakativ zu sein – vielmehr schafft sie subtile Räume des Nachdenkens über Zugehörigkeit, Migration und das Verhältnis von Mensch und Land. Littwitz hat international ausgestellt, unter anderem in Europa, dem Nahen Osten und Nordamerika. Ihre Arbeiten befinden sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen. Sie lebt und arbeitet in Jaffa, Israel.
Die Kunst von Ella Littwitz kreist beständig um Prozesse der Veränderung, des Verschwindens und der Re-Kodierung. Ihre Werke sind keine statischen Objekte, sondern Zustände – temporäre Konstellationen von Material, Idee und Geschichte, die sich im Lauf der Zeit verändern oder sogar auflösen. In dieser Praxis ist Vergänglichkeit kein Verlust, sondern eine Denkfigur, die es erlaubt, über politische, territoriale und biologische Übergänge nachzudenken. Zwei exemplarische Arbeiten, in denen diese Themen besonders deutlich werden, sind „Tears 2023“ und „Exhalation“ (2024). In „Tears“ verwendet Littwitz Salzkristalle aus dem Toten Meer. Die pilzförmigen Salzkristalle bilden sich an Unterwasserquellen im Toten Meer. Die Verbreiterung am oberen Ende deutet den ursprünglichen Wasserspiegel an. Ihrem ursprünglichen Entstehungsort entnommen und auf Bronzeplatten montiert, beginnt der natürliche Auflösungsprozess, in dessen Verlauf sich Salztränen bilden, die auf den Boden rinnen und sich dort sammeln. Der Prozess ist langsam, beinahe unsichtbar, aber stetig. Die Salzkristalle verflüssigen sich und verändern die Form des Werks. Tränen sind ein Symbol für Schmerz, Verlust, aber auch für Reinigung und Transformation. Es ist eine stille Metapher für das, was über die Zeit hinweg geschieht: Das Unsichtbare wird sichtbar, das Wasser – Träger von Erinnerung – verdunstet, das Salz bleibt als fragile Spur zurück. Doch auch dieses Salz ist nicht stabil. Es kann sich auflösen, zerfallen, sich durch Luftfeuchtigkeit verändern. Die Arbeit lebt in einem Zwischenzustand: Sie ist nie ganz fertig, nie ganz vergangen – immer im Prozess. „Exhalation“ thematisiert den Zustand des Übergangs eines Materials auf eine andere Art und Weise. Aufgeschichtete Magnesiumbarren, ebenfalls dem Toten Meer entnommen, lösen sich wie die Salzkristalle auf. Doch verflüssigen sie sich nicht, sondern verwandeln sich in reines Magnesiumpulver, das beständig auf den Boden rieselt. Der Titel der Arbeit verweist auf den Moment des Ausatmens. Ein Stoff verlässt den Körper und verflüchtig sich in seiner Umgebung, verliert seine Form und geht in etwas Neuem auf. „Exhalation“ ist das Gegenteil von Einverleibung: Etwas wird entlassen, verliert Form und Substanz. Das Pulver macht den Veränderungsprozess eindrücklich deutlich und verweist auf die zersetzende Kraft natürlicher Prozesse, welche einer Transformation in etwas Neues den Weg bereiten. Beide Werke machen deutlich, wie Littwitz mit Materialien arbeitet, die eine Eigenzeit besitzen, die sich entziehen, auflösen oder transformieren. In dieser künstlerischen Strategie spiegelt sich ein tiefes Verständnis von Zeit als politischem und emotionalem Raum. Ihre Werke sind nicht nur Abbilder von Vergänglichkeit – sie sind Ausdruck vergänglicher Zustände und ihrem Potenzial zur Transformation selbst.

Vergänglichkeit im Werk von Ella Littwitz

Handelt es sich bei der Arbeit „Edith“ in der Sammlung Deilmann um eine Abbildung einer Salzformation am Toten Meer, arbeitet Littwitz oft mit Materialien, die von spezifischen Orten selbst stammen und territoriale Zugehörigkeiten, geopolitische Entwicklungen, Migration und menschliche Spuren und Eingriffe thematisieren. So stellte Littwitz Betonwände von abgebauten Häusern israelischer Siedler der Stadt Jamit auf der Halbinsel Sinai vor dem Petach Tikva Museum of Art auf. Jahrzehntelang in einem Depot für einen möglichen Wiedereinsatz verwahrt, beinhalten sie flüchtige Zeichen menschlichen Daseins in Abhängigkeit von geopolitischen Entscheidungen sowie nicht erfüllte Hoffnungen und Pläne. Im zweiten Teil der Installation mit dem Titel „Kwisatz Haderach“ wird eine Sanddüne mittels industrieller Ventilatoren im Raum bewegt und vermittelt die begrenzte Zeitlichkeit und Veränderlichkeit natürlicher Erscheinungen. Im Fokus von Littwitz‘ Arbeiten stehen immer wieder Grenzziehungen und ihre Auswirkungen auf die Landschaft, Bauten und Menschen. Indem sie Grenzmarkierungen wie z. B. Bojen aus ihrem ursprünglichen Kontext herauslöst („This Line“, 2020) oder zwei Geotextilien, die jeweils auf der israelischen und jordanischen Seite des nur ein paar Meter breiten Jordans eingetaucht wurden („A High Degree of Certainty“ 2020), präsentiert, führt sie die Gegenstände auf eine überaus abstrakte und ästhetische Ebene, welche die reale und konkret bedrohliche Seite der Grenze unterläuft und ihre konstruierte Dimension infolge von politischen und religiösen Konflikten betont. Menschengemachte Grenzziehungen werden somit hinterfragt und ihre Folgen auf die Landschaft und das soziale und kulturelle Gefüge ihrer Bewohner thematisiert. Littwitz‘ Fokus gilt den israelischen und palästinensischen Territorien, die sich an der Schnittstelle von Religion, Geografie und Politik, Mythologien, Glaubensvorstellungen und epochalen Übergängen bewegen.

Bojen, Beton und bewegter Sand: Die Konstruktion der Grenze

in der Sammlung Deilmann

Künstler der Sammlung

•2012: Tivon Gallery Israel, Kiryat Tivon, Israel •2016: Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich •2018: MWW Muzeum Współczesne Wrocław, Wrocław, Polen •2019: Kunsthalle St. Gallen, St. Gallen, Schweiz; Galerie Alexander Levy, Berlin; La Panera Art Center, Lleida, Spanien •2021: SIC! BWA, Wrocław, Polen •2023: Basis, Frankfurt a. M. •2024: Harlan Levey Projects, Brüssel, Belgien; Haifa Museum of Art, Haifa, Israel

Ausstellungen (Auswahl)

•2012: Stiftung Kunstfonds •2012: Botin Foundation Prize •2013: Igal Ahouvi Art Collection Promising Artist Award •2018: Dr. Georg and Josi Guggenheim Prize •2020: Artist Grant for Exceptional Work in Uncertain Times •2023: Plumas Foundation •2025: The Beatrice S Kolliner Award, The Israel Museum

Auszeichnungen

Ella Littwitz

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